[freitag.de] „Andere Welt“

von Katharina Schmitz, Freitag 31/2018

Interview Seine Elternzeit ging nicht nur ein paar Wochen. Leander Scholz sieht im dabei geübten Sozialverhalten eine kostbare Ressource

Die Zahl der Väter, die in Deutschland nicht nur für ein paar Wochen in Elternzeit gehen, ist immer noch sehr niedrig. Der Philosoph Leander Scholz hat sich eineinhalb Jahre lang aus dem Berufsleben verabschiedet und einschneidende Erfahrungen gemacht, die vielen Frauen nicht fremd sind.

Die Elternzeit beschreiben Sie als eine existenzielle Erfahrung. Wie sah die aus?

Ich bin in eine andere Welt eingetaucht. Nicht nur für eine kurze Zeit. Ich habe das auch unterschätzt. Man wird von allen ermuntert, man soll diese Zeit genießen. Aber den ganzen Tag auf einen kleinen Menschen bezogen zu sein, ist sehr intensiv und auch anstrengend. Das meine ich mit existenzieller Erfahrung.

Da will man gerade los, aber das Kind ist eingeschlafen…

Oder es schläft nie ein, oder es hat Durst, oder es hat Hunger. All diese Bedürfnisse sind unmittelbar. Ich lebte in einem Universum ohne Sprache, das war sehr körperlich. Gerade für mich, der ich beruflich mit Sprache zu tun habe, war das faszinierend.

Lest hier das vollständige Interview mit Leander Scholz im Freitag 31/2018.

Weitere Informationen zu Leander Scholz gibt es hier in der Wikipedia.

Das war mein zweitbester Sommer

Ich sitz auf meiner Bank und lass die Zwiebel stinken
das macht die Mücken krank und lässt die Sonne sinken
der Weisswein lockt und lässt den alten Papa hinken
ich habe heute Bock mich ganz langsam zu betrinken

Meine Augen tauchen in das Abendlicht
das ist so milde wie seit zwanzig Jahren nicht
der Hund macht Frieden mit der Katze weil er hat die Gicht
und ich war jetzt schon ein dreiviertel Jahr nicht mehr auf Schicht

Das war mein zweitbester Sommer
ich schlürf ihn aus bis zum letzten Zug
ich will das alles hier haben
und immer wieder und nie genug
Das war mein zweitbester Sommer

Ich küsse meinen Sittich umarme meine Bäume
und fliege wie ein Raumschiff durch die Zwischenräume
ich stell mich an dass ich den grossen Wagen nicht versäume
und flieg mit meiner Tochter durch merkwürdige Träume

ich höre auf zu kiffen damit ich sie nicht störe
und bin ganz ergriffen wenn ich sie schnarchen höre
auf den Reihenhausdach proben Engelschöre
und meine Alte lacht wenn ich ihr Treue schwöre

Das war mein zweitbester Sommer
ich schlürf ihn aus bis zum letzten Zug
ich will das alles hier haben
und immer wieder und nie genug
Das war mein zweitbester Sommer

Ich hör wie alte Schachteln über ihre Männer tratschen
und alte Säcke wegen die frigiden Weiber knatschen
die jungen Hühner seh ich auf den Feuerwehrball latschen
na ich bin aus dem Rennen ich brauch sie nicht mehr zu bequatschen

Aber eines tages da tauch ich aus dem Dschumm
und die schärfsten Weiber drehn sich nach mir um
diese Sekunde reicht mir und ich mach mich wieder krumm
und knalle weiter mit meiner alten Schnalle rum

Das war mein zweitbester Sommer
ich schlürf ihn aus bis zum letzten Zug
ich will das alles hier haben
und immer wieder und nie genug
Das war mein zweitbester Sommer

T & M: G. Gundermann

Das ganze Konzert von Gundermann & Seilschaft im Tränenpalast in Berlin (24.03.1998) gibt es hier zum Nachschauen.

[Lesetipp] Mit acht Rädern um die Welt

Kleine Vorgeschichte: Vor einiger Zeit hatte ich an einem Sonntagvormittag die Gelegenheit im Potsdamer Thalia-Kino die sehenswerte Reisedokumentation Weit. von Gwendolin und Patrick zu sehen. (Bei Interesse, schaut bitte auf der Webseite zum Filmprojekt vorbei, eine klare Sehempfehlung für Euch.)

So jetzt aber: In Folge dieses Dokumentarfilmes bin ich bei Suchen im Web über den Weblog 8Wheels von Isabell, Sven und Mr. Turtle quasi „gestolpert“. Und so verfolge ich schon eine ganze Weile ihre Reise rund um die Welt mit ihrem VW Bus und ihren Mountainbikes. Kurz und knapp: Beide haben in ihren Blogeinträgen viel Lesenswertes über die Menschen und den Orten wo sie bereits waren geschrieben, geben Hinweise für Touren mit dem Mountainbike und Besichtigungstouren. Sie vermitteln einen ganzen eigenen persönlichen Blick auf andere Länder, deren Kulturen und ihren Menschen.
Mittlerweile haben sie es geschafft ihren VW Bus über Kalkutta nach Chile zu verschiffen, trotz der vielen kleinen (organisatorischen) Pannen. Nun sind sie selber auf dem Weg nach Sumatra. Es bleibt spannend.

[PNN 07.08.2018] Wie Potsdamer ihre Heimat verlieren

Quelle: http://www.pnn.de/potsdam/1308763/

Vor der Heimat kann man nicht flüchten. Was aber, wenn die Heimatstadt einen verlässt? In einem Gastbeitrag nimmt Filmproduzent Peter Effenberg Abschied von Potsdam.

Als ich ein Kind war, hatte ich eines von vier Durchgangszimmern in der Bertinistraße 1. Gegenüber meiner Wohnung lag die Alte Meierei hinter der Mauer. Die Hunde der Grenztruppen bellten des Nachts. Vom Fenster meines Zimmers konnte ich die Segelschiffe des Westens am Schloss Glienicke sehen. Auf der anderen Seite des Hauses lag eine alte Villa, meine Nachbarn behaupteten, sie hätte einst Mendelssohn-Bartholdy gehört und mein Zuhause sei das Gesindehaus gewesen. Dazwischen eine Wiese, die ich als Fußballplatz mit meinen Kumpels nutzte. Zwei zerfallenen Handballtoren flickten wir liebevoll Woche um Woche das Netz. Wenn Schulkamerad Chappi mit straffem Schuss die Latte knallte, fiel das Tor zusammen und musste mit neuen Stöckern gestützt werden. Die alten Stallungen – das, erzählten die Nachbarn, seien sie einst gewesen – direkt an unserem Haus beherbergten einen Konsum. Einmal oben die Treppe runter gucken und die Lage peilen: War der Konsum leer, ging es runter zu Frau Zenke, der Verkäuferin.
Nur wenige Meter die Straße hoch fuhr der Bus der Linie F in die Stadt. Wenn Rudi das Lenkrad steuerte, durfte ich vorne stehen, manchmal die Türen öffnen und davon träumen, später einmal seinem Berufsstand beizutreten. Hinter der Bushaltestelle, am Fuße des Pfingstbergs, erstreckte sich unterhalb des Altenheims mein Indianerwäldchen. Kumpel Huschi lehrte mich das Schnitzen, das Anschleichen und wie man eine Bude baut. Noch im Wald wieder eine Mauer, diesmal beschützte sie die Kaserne der Roten Armee. Wenn ab und zu ein Sowjetsoldat dem Lagerkoller entfloh, standen seine Kollegen bewaffnet in der Gegend herum und warteten, bis er sich stellte oder eingefangen war.

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